#701 Treppauf

Den ganzen Tag schon sitze ich auf heißen Kohlen. Bewegungslos. Sitze reglos vor meinem Bildschirm, nur meine Hand bewegt die Maus über den Monitor. Ab und zu tippe ich und versuche zu verstehen, was die Tabellen mir sagen wollen. Vergleiche, teile Bildschirme und lese in zwei bis vier Dokumenten gleichzeitig. Praktisch? Alles gleichzeitig, alles auf einmal. Filtere, addiere, ermittle Mittelwerte, nutze „Copy and Paste“. Und dann passiert es. Mir zerschießt es eine Tabelle und alle Zahlen purzeln durcheinander. Die Technik hat mich besiegt. Ich fluche vor mich hin.

Hilft alles nix, ich muss neu sortieren. Gut für meinen Ordnungsdrang, schlecht für meine ungeduldige Natur. Wer hat sich ausgedacht, mich auf diese Weise zu konzipieren? Lamentieren ist zwecklos. Deshalb stelle ich mich meinem Schicksal. Die heißen Kohlen unter mir werden mehr und heißer. Ich fühle förmlich, wie es unter mir anfängt zu zischen. Kleine Flammen beginnen zu züngeln.

Endlich fertig, bin ich einerseits froh, es wieder hinbekommen zu haben, andererseits aber wirklich genervt. In diesem Fall verordne ich mir einen Power-Walk. Zeit hin oder her, die ich nicht habe. Die kommende halbe Stunde gehört mir. Ich mummle mich dick ein und laufe los.

Einen Vorteil hat mein Wohnort: es gibt viele Treppen um mich herum. Stäffele, werden sie hier genannt und die nehme ich mir vor. Im Kopf habe ich mir eine Route zurecht gelegt. Zwischen Häuserzeilen führt mich eine auf geradem Weg steil den nächstgelegenen Berg hinauf. Genau das brauche ich jetzt. Meine Energie und meine heißen Kohlen jagen mich. Diejenigen, die sich für irgendein Stelldichein auf den Stufen zusammengefunden haben, ignoriere ich. Rauf, rauf, rauf. Mit zunehmender Höhe und Herzschlag merke ich, wie ich zur Ruhe komme, innerlich. Meine Gedanken fokussieren sich auf die jeweils nächste Stufe, sonst nichts. Das tut gut. Genau das habe ich gebraucht.

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