#702 Der einsame Poet

Es kommt hin und wieder vor, dass ich tagsüber keine freie Minute habe, um meinen Text zu schreiben. Oder ich habe eine freie Minute, die möchte ich jedoch lieber gemütlich mit der anderen Hälfte meines Haushalts oder einem anderen Menschen, der mir wichtig ist, teilen. Bei aller Liebe zum Schreiben, haben meine Lieblingsmenschen soweit Vorrang, als dass ich meine Tagesaufgabe in solchen Fällen zeitlich nach hinten schiebe. Dabei ist es egal, wie spät es wird. Maßgeblich ist nur, dass ich meinen Text vor Mitternacht veröffentliche. Was ihr, wie ihr wisst, mir bisher immer gelungen ist. Zugegeben, es gab schon Tage, da war es äußerst knapp. Aber das reicht. Wie beim Abitur, da fragt hinterher auch niemand mehr, wie es war.

Nun, was dieses späte Schreiben anbelangt, könnt ihr es euch folgendermaßen vorstellen: ich sitzliege im Bett, das Tablet auf der Bettdecke und sehe vielleicht ein wenig aus wie Carl Spitzwegs „Der einsame Poet“. Natürlich, ich höre bereits eure Einwände, schließlich bin ich weder einsam oder so arm, dass ein Regenschirm über meinem Kopf verhindert, dass ich bei allem Elend nicht nur in Kälte ausharren, sondern darüber hinaus in Nässe hausen muss. Auf dem Boden schlafe ich zum Glück ebenfalls nicht. Aber die Haltung und mein Ringen um jedes Wort, ist wohl ähnlich, nehme ich an. Das verbindet uns alle.

Ansonsten, ja ansonsten habe ich mit dem armen Teufel wenig gemein. Oder doch? Kann ich von meiner Poesie leben? Er offensichtlich nicht. Ein Umstand, den viele Schriftsteller und Poesieschaffende kennen. Sie, wie mich, hält die Leidenschaft fürs Dichten warm und was nicht ist, kann schließlich noch werden. Allerdings habe ich, im Gegensatz zu Spitzwegs Poeten, den Luxus, mich nicht entscheiden zu müssen, ob ich frieren will oder meine Schriften im Ofen verbrenne, damit ich es warm habe.

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