Die Wartestühle stehen dicht nebeneinander. Im Flur. Ich lege die Arme an, versuche mich möglichst reglos zu verhalten, weil ich weiß, dass es in der Regel schnell geht. Im Kopf gehe ich meinen Einkaufzettel für nachher durch.
An der langen Theke zu meiner linken, entspinnt sich eine Diskussion zwischen zwei Mitarbeitenden. Die eine hat den anderen kritisiert und nun ist dieser offensichtlich beleidigt. Die Worte fliegen flüsternd hin und her. Ich möchte das Gespräch nicht mitbekommen, es geht mich nichts an. Überhaupt geht mich alles nichts an, was um mich herum passiert. Doch ich fühle mich wie im Taubenschlag. Ständig flattert jemand vorbei. Das ist wie im Kino hier. Zeitschriften braucht es zur Wartezeitverkürzung keine.
Dafür werde Zeugin von sämtlichen privaten Dingen. Namen und Geburtsdaten kursieren, Adressen werden abgefragt, Telefonnummern. Der Status der Versicherung ist ebenfalls Thema. Dann, noch spannender, fragt die Person hinter der Theke die vor der Theke stehende nach ihren Vorerkrankungen. Und ja, sie würde auch Blutverdünnungsmittel nehmen. Die Medikamentennamen werden ausgetauscht. Datenschutz am Arsch.
Das ist kein Einzelfall. Ich bin glücklicherweise selten beim Arzt, doch Diskretion oder Privatsphäre erlebe ich nur spärlich. Das erinnert mich an meinen Zahnarzt von früher. Der hat schon meine Oma versorgt, es ist demnach wirklich lange her. Dieser hatte die Angewohnheit, bei offenen Türen, Patienten mit schlechter Zahnhygiene ordentlich die Leviten zu lesen. Da haben alle mitgehört.
Weiter gekommen sind wir scheinbar an dieser Stelle nicht. Für alles brauche ich einen Code, eine zweifach oder dreifach Authentifizierung. Alles ist passwortgeschützt und überall muss ich dem Datenschutz zustimmen. In Arztpraxen gelten scheinbar andere Gesetze. Mich wundert das. Liegt es an der Dankbarkeit, einen Termin ergattert zu haben oder beschweren wir uns nicht, weil es immer schon so war? Ich rätsle an dieser Frage, während ich warte, noch eine Weile herum.

