– Fortsetzung –
Das Handy weckt mich aus meinen Gedanken. Die zweite Runde Crunches ist dran. Ich führe die Übung langsam und konzentriert aus. Fühle, wie sich meine Muskeln anspannen, entspannen, anspannen. Ich liege hier zu meinem Vergnügen. Wie war sein Leben? Ich kann es mir kaum vorstellen und lasse die Erkenntnisse der letzten Tage in meinem Kopf Revue passieren.
Für Recherche jedweder Art kann das Internet eine Goldgrube sein. Ich finde heraus, wo sein letzter Aufenthaltsort war. Recherchiere weiter. Im Netz und in den Büchern aus der Bibliothek. Es gibt zum Thema Euthanasie relativ wenig Informationen, stelle ich ziemlich erstaunt fest. Doch ich kann mir langsam einen Reim darauf machen, was damals in der Zeit zwischen 1936 und 1940 mit ihm geschehen ist. Was ihm angetan wurde.
Er kämpfte als Soldat im ersten Weltkrieg. Ganz jung war er. Gerade siebzehn. In den Schützengräben. Dort, wo die Front statisch verlief und Männer als Futter für Kanonen und einem zweifelhaften Ziel verheizt wurden. Heinrich wurde in diesem Krieg verschüttet. Überlebte. Und kehrte mit einem Trauma in die Heimat, zu seiner Familie zurück. Nur wie hatte er überlebt? Ich kann es mir kaum ausmalen. Wie auch? Platzangst gehört schon seit jeher zu denjenigen Gefühlen, die ich sehr schlecht aushalten kann. Wenn ich meine Arme und Beine nicht bewegen, mich nicht umdrehen kann. Hölle. In einer Höhle durch ein Loch kriechen. Unvorstellbar. Wie mag es ihm ergangen sein, der das wirklich erlebt hat. Für ihn war es Realität, keine Theorie. Der blanke Horror. Ich bekomme eine Gänsehaut.
Die nächste Runde Crunches steht an. Die Hälfte habe ich bereits geschafft. Ich fühle mich gut. Schwitze. Liege ansonsten bequem da. Meine Aufgabe ist überschaubar. Mir fehlt es an nichts. An gar nichts.
– Fortsetzung folgt –

