– Fortsetzung –
Als traumatisierter Kriegsheimkehrer gab es in Nazideutschland keinen Platz für ihn. Lebensunwertes Leben, so wurden die Menschen genannt, die nicht ins Raster passten. Esser. Unnötige Esser, die dem damals definierten Gemeinwohl zuwider waren. Abgeholt haben sie ihn. Irgendwann. Eingesperrt. Der Familie entrissen. Märchen wurden erzählt. Alles würde getan für sein Bestes. Mumpitz. Schamlos gelogen haben die Nazis und dabei ihren geheimen Vernichtungsplan verfolgt. An den Schwächsten der Gesellschaft. An denen, die sich nicht wehren können. Die keine Lobby haben. Das grausamste Raubtier schlägt unbarmherzig zu.
In eine Heilanstalt wurde er gebracht. Dann zur Verschleierung der mörderischen Absichten des Regimes in ein Zwischenlager transportiert, um ihn schließlich am sechsundzwanzigsten September neunzehnhundert vierzig in Pirna-Sonnenstein umzubringen.
Mittlerweile bin ich mit meinem Training fertig. Habe fast alle Übungen nach meiner langen Pause durchgezogen. Bin zufrieden mit mir. Spüre, wie sich meine Muskeln ob der Anstrengung ein wenig bemerkbar machen. Ich suche die andere Hälfte meines Haushalts. Er ist ebenfalls fast fertig und gemeinsam gehen wir noch aufs Wackelbrett. Stabilitätsübung. Das erfordert Konzentration und lässt die Tiefenmuskulatur arbeiten. Mit einem guten Gewissen gehe ich unter die Dusche.
Wie pervers ist es, ein anderer Ausdruck fällt mir nicht ein, als ich nackig auf den Duschknopf drücke. In wohliger Erwartung eines warmen Wasserstrahls. Ich habe keine Angst. Mir passiert nichts. Ich seife mich ab und schamponiere mich ein. Ich werde sauber. Bin wohlriechend und erfrischt. Heinrich nicht. Ihn haben sie ermordet in der Gaskammer, die eigens dafür in das alte Gemäuer eingebaut worden war. Perfide. Hinterhältig.
Ob es einen Brief der Trauerschreiberin gab, die dort tätig war? Ich weiß es nicht. Meine Großmutter hat nichts dergleichen erzählt. Was habe ich mit ihm gemeinsam? Wir haben dieselben Wurzeln. Welches Muttermahl befindet sich an meinem Körper, das er ebenfalls hatte? Oder haben wir dieselbe Augenfarbe, Haarfarbe? Welche Ähnlichkeiten gibt es? Dass es welche geben muss, ist unstrittig. Das Grauen hat einen Namen bekommen und einen Ort und ein Datum. Die Erzählungen meiner Großmutter sind auferstanden. Ich habe ihn mir der Geschichte entrissen und ihn lebendig gemacht in mir. Das ist das geringste, das ich tun kann.

