Es ist Sonntag an einem Tag im Frühling. Die Sonne scheint lauwarm vom Himmel. Die Mutter deckt den Frühstückstisch für die kleine, dreiköpfige Familie. Sie essen in der Küche, nicht am Esstisch im Wohnzimmer. Sie sind unter sich, das wäre zu viel Aufwand.
Der Tisch steht an der Wand. Über ihm hängt eine Lampe aus orange gefärbtem Glas. Das Geschirr ist weiß und hat einen schmalen, geriffelten Rand. Das Kind hilft der Mutter beim Tisch decken. Außerdem muss es eine wichtige Aufgabe erledigen. Es muss die Brötchen, die der Lieferservice der Bäckerei seit kurzem für die sonntägliche Brötchenlieferung anbietet, holen.
Dafür hüpft es freudig in die Gästetoilette, die sich gleich rechts vom Eingang befindet und steigt auf den geschlossenen Klodeckel. Dann öffnet es das Fenster, an das es ansonsten nicht gelangen würde. Öffnet dieses und greift nach der Brötchentüte, die zwischen dem gemauerten Gitter aus Backsteinen steckt. Vorsichtig zieht es die Tüte heraus, schließt das Fenster, klettert von der Toilette und bringt die Brötchen in die Küche zu ihrer Mutter.
Frische Brötchen, was für ein Genuss am Sonntagmorgen. Wie ihre Oma, mag es ihres am liebsten mit Quark und Marmelade. Erdbeermarmelade oder Johannisbeergelee sind ihre Favoriten. Hmm, schmeckt das gut. Das kleine Mädchen ist glücklich und gespannt, was der Tag bringen wird. Sonntag ist immer Papa-Tag. Vater und Tochter überlegen, eine kleine Radtour zu unternehmen. Durch die Auen runter zur Siegfähre. Die Kleine ist begeistert. Dort gibt es eine Restauration und vielleicht ist ein Eis für sie drin. Bestimmt. Sie kennt ihren Papa.
Die Tradition hat sich erhalten. Jetzt ist das Mädchen groß, erwachsen, alt und immer noch beginnt ihr Sonntag mit Brötchen. Immer noch steigt es an einem warmen Sonntag gerne aufs Rad und, wie sollte es anders sein, gibt es auch an diesem, später, eine Belohnung.

