#799 …und ganz hinten sehe ich das Meer

Ich stehe am Gleis. Überschaubare zwei Stück gibt es davon. Der Bahnsteig ist neu angelegt und hat, verglichen mit Stuggidings kleinstädtischen Großstadtverhältnissen die Dimension einer Bushaltestelle. Der eine Zug der Bundesbahn pendelt von hier aus an die Küste. In jenen Touristenort, der bekannt für seinen endlosen Strand ist. Diese Weite. Meine Augen können sich nicht sattsehen. Ich habe keine Ahnung, ob es Menschen gibt, die mich verstehen, aber die Weite, das flache Land, es fasziniert mich immer und immer wieder aufs Neue. Es ist wie bei einer Malerin, die nicht müde wird, ein und dasselbe Motiv wieder und wieder zu interpretieren.

Ich setze mich ans Fenster. Für alle anderen gibt es nichts zu sehen. Für mich schon. Das Grün des Weidelands ist zunehmend grüner, als es das noch im Winter war. Die Wiesen sind nicht eben, sondern haben eine kaum merkliche Wellenform. Der Boden ist, ohne dass ich ihn betreten muss, saftig und nass und dunkel, moorig. Schafe grasen mit ihren Lämmern. Die Kleinen springen fröhlich umher. Einige sind hell, andere dunkel bis schwarz. Umzäunt werden die Wiesen hier und da von niedrigen Hecken, windschiefen Bäumen. Die wenigsten von ihnen sind wirklich hoch gewachsen.

Das Licht ist bei Sonnenschein heller, greller als bei mir daheim. Es ist anders. Reflektiert vom Wasser der Entwässerungsgräben und kleinen Sielläufen und natürlich vom Meer. Die Wellen werfen es unzählig-fach zurück an den Himmel, so dass das Land, wenn ich aufmerksam, ganz genau hinsehe, in ein schimmerndes Licht getaucht ist. Ein kaum wahrnehmbares Glitzern. Überall.

Die Kontrolleurin reißt mich aus meinen Betrachtungen, sie will meinen Fahrschein sehen. Ich reagiere leicht genervt. Ich will beim aus dem Fenster Schauen nicht gestört werden. Schließlich möchte ich die Landschaft für zuhause in mich aufsaugen. Ich brauche einen kleinen Vorrat davon.

Teilen:

Weitere Beiträge

#797 blaublütig

Feierabend. Urlaub. Wunderbar. Eine ganze Woche Ferien liegen vor mir. Frisch und unverbraucht. Welcher Tag ist schöner als der Vorabend

Weiterlesen