Gestern führte mich der Vormittag in die Großstadt. Wie oft, hatte ich mir einen Arbeitsplatz in der Landesbibliothek gebucht und war nun auf dem Weg dorthin. Mit dem ÖPNV. Normalerweise ist das sehr bequem. Ich laufe ein paar Schritte zur nächstgelegenen Bushaltestelle, nehme den Bus bis zum ZOB und wechsle dort von der Straße auf die Schiene.
Meistens habe ich sogar mehrere Optionen: Regionalbahn oder S-Bahn, die in einem vernünftigen Rhythmus fahren. Aus diesem Grund macht es wenig Sinn, das Auto zu nehmen. Außerdem sind die Parkgebühren hoch und kosten so viel wie zwei Mal Öffis fahren. Zeitlich nimmt es sich in der Regel nicht viel. Also insgesamt eine gute Sache.
Wer mich inzwischen kennt, weiß, dass ich keine Freundin von Smalltalk bin. Ich habe oft überhaupt keine Idee, worüber ich mich mit wildfremden Personen unterhalten könnte. Außer vielleicht es ergibt sich situationsbedingt ein Gespräch, okay, wenn es sich nicht vermeiden lässt.
Auf meinem Hinweg war nicht viel los in der Bahn und eine Frau, vielleicht in meinem Alter, saß mir gegenüber, schaute in ihr Handy. Zwischendurch sah sie auf, lächelte mich an und ich lächelte freundlich zurück. Beim dritten Anlächeln hatte sie offensichtlich ausreichend Vertrauen gefasst, dass sie ein Gespräch begann. Ich verdrehte innerlich die Augen und verfluchte meine Freundlichkeit, die leider mit Konversationsbereitschaft verwechselt wurde.
Sie tastete sich langsam vor und frug mich, wie sie vom Bahnhof zur großen Einkaufsmall gelangte. Ich gab bereitwillig Auskunft. Das war Grund genug, mir ihre halbe Lebensgeschichte zu erzählen. Von Erlebnissen mit der Bahn bis hin zu achtzehn Operationen, die sie über sich hat ergehen lassen müssen, war alles dabei, was zeitlich in zehn Minuten Redeschwall Platz fand. Ich formulierte meinerseits ein paar Sätze, um nicht unhöflich zu wirken und war glatt stolz auf mich, diese Herausforderung gemeistert zu haben.
