#904 das, was übrig bleibt

Es ist ein sonniger Tag und ich stehe morgens an der Bushaltestelle und warte auf den Bus. Der soll mich aus meiner Kleinstadt raus in die Landeshauptstadt bringen. Ich habe irgendetwas vor. Da Timing nicht zu meinen Stärken gehört, stehe ich im Schatten eines großen Baumes und warte. Der Anzeigentafel entnehme ich, dass es gut zehn Minuten dauert, bis ich hier weg komme.

Da fällt meine Aufmerksamkeit auf das Gebäude, das gleich neben der Haltestelle am Charlydingsbumsplatz steht. Klein ist es, einstöckig mit Flachdach. Ein ehemaliger Blumenladen, der erst vor ein paar Tagen oder Wochen seine Pforten endgültig geschlossen hat. Schade eigentlich, denn das war praktisch, einen Blumenladen gleich um die Ecke zu haben. Keine heißgeliebten bunten Ranunkeln mehr als erster Frühjahrsgruß zum Mitnehmen. Ich bin neugierig und schaue durchs Fenster.

Au weia, schießt es mir durch den Kopf. Ich denke unwillkürlich an all die Sperrmüll-Sachen und zum Mitnehmen-Artikel, die Dinge, die mir meine Oma als Geschenk angeboten hatte und die ich naserümpfend mit wenig Begeisterung entgegen nahm. Gebrauchte Gegenstände. Nutzlos geworden oder überflüssig oder als gut gemeintes Andenken weiter gegeben. Mir zerreißt es fast mein Herz bei den Gedanken. Mir zerreißt es fast mein Herz bei diesem trostlosen Anblick.

Veilchen, Rosen, Gerbera alle hatten sie den Verfall, die Vergänglichkeit überdeckt. Gaben dem Alter einen schönen Anstrich, die Weihnachtssterne und Osterglocken, der Valentinsstrauß. Jetzt ist es perdü.

Wie als ob jemand meine Gedanken gelesen hätte, sind die Fenster jetzt, als ich kürzlich wieder dran vorbei lief, verrammelt. Kein Blick ins Innere ist mehr möglich. Zugedeckt, abgeschirmt, unsichtbar. Das Gebäude steht noch. Sein Äußeres gleicht dem Inneren und mahnt mich mit seinem Anschein. Es bleibt nach wie vor eine Kunst, Dinge wertzuschätzen, wenn sie vor der eigenen Nase sind. Sind sie weg, ist das oft endgültig.

Teilen:

Weitere Beiträge