„Mein Herz“
– eine Geschichte über den Karneval in Bonn –

#39 mein Herz
#40 mein Herz
#41 mein Herz
#42 mein Herz
#43 mein Herz
#44 mein Herz

„Schnee von gestern, oder? – eine wahre Begebenheit, die sich nicht wiederholen darf –

#734 Schnee von gestern, Teil 1
Ich liege wie ein Käfer auf dem Rücken auf meinem quietschgrünen Finisher-Handtuch vom Triathlon in Tübingen und bin bereit. Bereit für die nächste Übung. Dazu liege ich, wie gesagt, auf dem Rücken. Oberschenkel und Unterschenkel habe ich jeweils im rechten Winkel zu Hüfte und Knie angehoben. Meine Füße klemmen zwischen zwei gepolsterten Rollen. Ich bin ready für die Crunches, die jetzt auf meinem Trainingsprogramm stehen.

Ich spanne meine Bauchmuskeln an, hebe meinen Oberkörper nach oben und tippe mit den Fingern auf meine Zehenspitzen in den Turnschuhen. Zehn Mal mache ich das, dann sind die schrägen Bauchmuskeln dran. Ich drehe meinen Oberkörper nach links, greife mit beiden Händen neben mein Knie. Dann führe ich dieselbe Bewegung nach rechts aus. Es zieht im Bauch. Ich schnaufe ein wenig dabei. Es ist anstrengend. Nach dem ersten Durchgang tippe ich auf den Haken hinter der Übung auf meinem Handydisplay. Er springt auf grün als Zeichen für: erledigt. Die App zählt nun eine Intervallpause von anderthalb Minuten runter. Ich bleibe auf dem Rücken liegen. Mein Bauch hebt und senkt sich noch von der Anstrengung, während meine Gedanken abschweifen. Zu Heinrich wandern.

In den vergangenen Weihnachtsferien habe ich ein wenig Recherchearbeit hinsichtlich unserer Familienbiographie unternommen. Habe in alten Unterlagen geblättert, Schriftstücke entziffert, schwarz-weiß-Fotos angeschaut. Ich saß auf dem Sofa, habe in Archiven nach zwei Namen gesucht und habe einen Namen zweifelsfrei gefunden. Geburtsdatum und Geburtsort stimmen mit den Informationen überein, die mir vorliegen. Heinrich, der älteste Bruder meiner Großmutter, ich habe ihn gefunden. Im Bundesarchiv für Euthanasieopfer.

#735 Schnee von gestern, oder? Teil 2
Das Handy weckt mich aus meinen Gedanken. Die zweite Runde Crunches ist dran. Ich führe die Übung langsam und konzentriert aus. Fühle, wie sich meine Muskeln anspannen, entspannen, anspannen. Ich liege hier zu meinem Vergnügen. Wie war sein Leben? Ich kann es mir kaum vorstellen und lasse die Erkenntnisse der letzten Tage in meinem Kopf Revue passieren.

Für Recherche jedweder Art kann das Internet eine Goldgrube sein. Ich finde heraus, wo sein letzter Aufenthaltsort war. Recherchiere weiter. Im Netz und in den Büchern aus der Bibliothek. Es gibt zum Thema Euthanasie relativ wenig Informationen, stelle ich ziemlich erstaunt fest. Doch ich kann mir langsam einen Reim darauf machen, was damals in der Zeit zwischen 1936 und 1940 mit ihm geschehen ist. Was ihm angetan wurde.

Er kämpfte als Soldat im ersten Weltkrieg. Ganz jung war er. Gerade siebzehn. In den Schützengräben. Dort, wo die Front statisch verlief und Männer als Futter für Kanonen und einem zweifelhaften Ziel verheizt wurden. Heinrich wurde in diesem Krieg verschüttet. Überlebte. Und kehrte mit einem Trauma in die Heimat, zu seiner Familie zurück. Nur wie hatte er überlebt? Ich kann es mir kaum ausmalen. Wie auch? Platzangst gehört schon seit jeher zu denjenigen Gefühlen, die ich sehr schlecht aushalten kann. Wenn ich meine Arme und Beine nicht bewegen, mich nicht umdrehen kann. Hölle. In einer Höhle durch ein Loch kriechen. Unvorstellbar. Wie mag es ihm ergangen sein, der das wirklich erlebt hat. Für ihn war es Realität, keine Theorie. Der blanke Horror. Ich bekomme eine Gänsehaut.

Die nächste Runde Crunches steht an. Die Hälfte habe ich bereits geschafft. Ich fühle mich gut. Schwitze. Liege ansonsten bequem da. Meine Aufgabe ist überschaubar. Mir fehlt es an nichts. An gar nichts.

#736 Schnee von gestern, oder? Teil 3
Als traumatisierter Kriegsheimkehrer gab es in Nazideutschland keinen Platz für ihn. Lebensunwertes Leben, so wurden die Menschen genannt, die nicht ins Raster passten. Esser. Unnötige Esser, die dem damals definierten Gemeinwohl zuwider waren. Abgeholt haben sie ihn. Irgendwann. Eingesperrt. Der Familie entrissen. Märchen wurden erzählt. Alles würde getan für sein Bestes. Mumpitz. Schamlos gelogen haben die Nazis und dabei ihren geheimen Vernichtungsplan verfolgt. An den Schwächsten der Gesellschaft. An denen, die sich nicht wehren können. Die keine Lobby haben. Das grausamste Raubtier schlägt unbarmherzig zu.

In eine Heilanstalt wurde er gebracht. Dann zur Verschleierung der mörderischen Absichten des Regimes in ein Zwischenlager transportiert, um ihn schließlich am sechsundzwanzigsten September neunzehnhundert vierzig in Pirna-Sonnenstein umzubringen.

Mittlerweile bin ich mit meinem Training fertig. Habe fast alle Übungen nach meiner langen Pause durchgezogen. Bin zufrieden mit mir. Spüre, wie sich meine Muskeln ob der Anstrengung ein wenig bemerkbar machen. Ich suche die andere Hälfte meines Haushalts. Er ist ebenfalls fast fertig und gemeinsam gehen wir noch aufs Wackelbrett. Stabilitätsübung. Das erfordert Konzentration und lässt die Tiefenmuskulatur arbeiten. Mit einem guten Gewissen gehe ich unter die Dusche.

Wie pervers ist es, ein anderer Ausdruck fällt mir nicht ein, als ich nackig auf den Duschknopf drücke. In wohliger Erwartung eines warmen Wasserstrahls. Ich habe keine Angst. Mir passiert nichts. Ich seife mich ab und schamponiere mich ein. Ich werde sauber. Bin wohlriechend und erfrischt. Heinrich nicht. Ihn haben sie ermordet in der Gaskammer, die eigens dafür in das alte Gemäuer eingebaut worden war. Perfide. Hinterhältig.

Ob es einen Brief der Trauerschreiberin gab, die dort tätig war? Ich weiß es nicht. Meine Großmutter hat nichts dergleichen erzählt. Was habe ich mit ihm gemeinsam? Wir haben dieselben Wurzeln. Welches Muttermahl befindet sich an meinem Körper, das er ebenfalls hatte? Oder haben wir dieselbe Augenfarbe, Haarfarbe? Welche Ähnlichkeiten gibt es? Dass es welche geben muss, ist unstrittig. Das Grauen hat einen Namen bekommen und einen Ort und ein Datum. Die Erzählungen meiner Großmutter sind auferstanden. Ich habe ihn mir der Geschichte entrissen und ihn lebendig gemacht in mir. Das ist das geringste, das ich tun kann.