#819 morgens vor 9

Ich bin beim Reifenwechsel. Im Vorfeld hatte ich mir überlegt, heute auf die Fertigstellung zu warten und sitze daher nun in der neu gestalteten Besucher-Lounge. Inzwischen gibt es eine Kaffeemaschine mit Selbstbedienung, die mir die Milch für meinen Cappuccino erstmal fast über den Latz gespritzt hat. Kleine Panne bei der Funktion, wie es scheint. Ich sage einem älteren Mitarbeiter Bescheid, der wiederum das Problem am Empfang melden will.

Kurze Zeit später kommt er mit einem Reinigungsmittel und einem Lappen in der Hand zurück, putzt, wischt und sagt zu mir: „selbst ist der Mann“. Ich antworte: „so soll es sein“ und grinse innerlich. Wieder ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeitsnormalität und das am frühen Morgen und das ausgerechnet an dem Ort, der männlicher kaum sein könnte. Ansonsten sind die Rollen nämlich klar verteilt: der Empfang ist weiblich, die Verkäufer männlich.

Aber noch etwas anderes gibt es hier: die Tageszeitung. Wie lang ist das her, dass ich die morgens aus dem Briefkasten zog? Lange. Ich blättere durch. Dabei fallen mir zuerst die Werbeblättchen in die Finger und die gute, alte Prisma mit dem Fernsehprogramm für die kommende Woche. Jetzt, zum langen Wochenende, wirbt der örtliche Möbelladen mit Angeboten und bei dem schönen Wetter gibt es Turnschuhe für Läufer:innen beim hiesigen Sportgeschäft.

Irgendwie überrascht bemerke ich, was sich mit dem Wegfall der Zeitungsroutine verändert hat. Ich habe seit Ewigkeiten keine Familienanzeigen mehr gelesen. Weder Geburt, Jubiläen oder Traueranzeigen. Alle sind aus meinem Fokus verschwunden. Ich frage mich jetzt, wo es mir bewusst wird, ob ich das wirklich will. Ein wenig erschrocken bin ich sogar darüber und überlege, wie ich dieses Manko beheben kann. Klar ein Abo abschließen, wäre das Einfachste. Aber am Handy lesen? Hm. Ist irgendwie auch keine Alternative für mich. Manche Veränderungen sind einfach blöd.

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