Ich höre sie schon von Weitem. Herzerweichend. „Ich kann n n n nicht meeeehr“, jammert die Kleine an der Hand ihrer Mutter. „Mir tuuuuhhhn die Füße weeeeh“, geht es weiter, wechseln sich Satz eins und zwei ab. Tränen kullern ihr über die kleinen Wangen. Die Mutter hält sie fest an der Hand. Läuft langsam und versucht die Quengelei zu ignorieren. Weil es gerade nicht anders geht. Weil sie es nicht anders kann. Weil sie es bereits kennt.
Ich kann mich gut in die Frau hinein versetzten. Als meine Kleine noch ganz klein war, drei Jahre ungefähr, und ich sie mittags vom Kindergarten abholte, spielten sich ähnliche Szenen bei uns ab. Ich musste mein weinendes Kind nach Hause tragen. Da ging nichts mehr, so erschöpft war sie vom Spielen am Vormittag.
Ihr kleines Köpfchen lag dann auf meiner Schulter und ihr weiches Haar kitzelte mich. Ihre Tränen liefen mir am Hals entlang in den Ausschnitt. Ihre Füßchen baumelten hin und her. Sie konnte auch nicht mehr. Jammerte einen ähnlichen Reigen wie die Kleine jetzt. Sie hatte sich völlig verausgabt.
Manchmal regte sie sich schluchzend über Ungerechtigkeiten auf, die ihr wiederfahren waren. Oder erzählte tränenerstickt, mit wem sie gespielt hatte. Manchmal hielt sie ihre Bastelarbeit stolz in der Hand und weinte trotzdem. Gutes Zureden half nichts. Manchmal wimmerte sie ganz leise und war bis daheim fast eingeschlafen. Das ging ungefähr ein halbes Jahr lang, danach hatte sie sich eingewöhnt. Danach musste ich sie nicht mehr tragen, selbst wenn sie k.o. war.
Ihre große Schwester war aus härterem Holz. Sie ließ die Heulerei ihrer Schwester an sich vorbei ziehen und lief brav neben mir her, erzählte von ihrem Tag im Kindi. Menschen schauten mich manchmal kritisch an. Ich konnte die Frage, die sie formulierten, förmlich sehen. Aber so ist das eben.

