Die spätsommerliche Nachmittagssonne taucht die Welt um mich herum in warmes Licht. Das kommt mir zupass, bin ich doch mit dem Rad unterwegs durch die Rheinauen runter zum Fluss. Das Rad ist geliehen. Sein Sattel ein wenig zu hoch und meine Jeans rutscht demzufolge in die Ritze, was das Radeln ein wenig ungemütlich macht. Aber egal. Ich bin schließlich in meiner Lieblingsstadt.
Am Fluss angekommen, ist das Ufer weg. Jedenfalls an der Stelle, wo es sich normalerweise immer befand. Gevatter Rhein hat sich zurückgezogen in sein Bett und gibt jene Kiesel frei, über die er sonst hinweg strömt. Ich lehne mein Rad gegen einen Baum und steige die kleine Böschung hinab. Schnell stehe ich dort, wo sich eigentlich Wasser befinden sollte. Der Rhein ist breit. Vierhundert Meter wären es hier.
Ich gehe über die Steine, sehe Muscheln und die Karkassen längst verstorbener Flusskrebse. Ein verrostetes Schild. Die Aufschrift ist nicht mehr lesbar. Wahrscheinlich war es einst unglaublich wichtig. Jetzt hat es seinen Dienst getan, modert vor sich hin. Mein Blick haftet gebannt auf den Boden vor meinen Füßen. Schritt für Schritt schaue ich, wie alle anderen, nach unten in der Hoffnung, einen Schatz zu finden. Den der Nibelungen womöglich.
Ich muss weit laufen, bis ich den Wassersaum erreiche. So tief stand ich noch nie in seinem Bett. Ich bücke mich, um ins Wasser zu fassen. Es ist wenige Zentimeter tief und geht flach rein. Die „Moby Dick“, der Ausflugdampfer, fährt dicht am gegenüberliegenden Ufer vorüber. Ein Mensch lässt sich gemächlich auf seinem Stand-Up Paddle flussabwärts treiben. Keine Kähne mit schwangeren Bäuchen weit und breit. Stille. Der Fluss gibt keinen Laut von sich.
Ich stehe andächtig da. Wieviel Regen muss fallen, um ihn wieder ins Lot zu bringen?, frage ich mich unweigerlich bei seinem Anblick. Viel. Sehr viel. Monatelang.

