Es kommt mir vor, als sei der letzte Rest gleichzeitig das letzte Aufgebot. Geradezu trotzig hängen sie am Baum, die Früchte, die sich gegen Regen, Wind und Insekten bis in den Herbst erfolgreich verteidigten. Ich schaue mir das Schauspiel bereits seit ein paar Tagen an und fasste gestern den Entschluss, die verbliebenen Früchte meines Marillenbaums runter zu schütteln und Kuchen zu backen.
Mit der Schüssel in der Hand begebe ich mich auf den Küchenbalkon. Es ist frisch heute morgen und ich habe meine rote Fleecejacke, meine Gartenjacke, gegen die Kälte übergezogen. Zunächst suche ich den Boden ab, werfe fauliges Fallobst ins Gebüsch bevor ich am Baum rüttle. Früchte, Blätter und kleine Ästchen regnen auf mich, auf Balkon und Treppenstufen herab oder landen mit einem Plumps im Gras.
Ich mache mich daran die brauchbaren Früchte einzusammeln. Fast ist es wie an Ostern bei der Eiersuche oder wie bei Aschenputtel: die guten in die Schüssel, die schlechten ins Gebüsch. Meine Ausbeute ist mager. Ich verrenke mich. Um möglichst viele zu erhaschen, klaube ich sie vom Schuppendach, unter der Treppe, unterm Rosenstock und aus dem langen Gras hervor. Rasen mähen müsste ich ebenfalls, denke ich mir beim Tun und achte darauf, meine Schätze nicht zu zertrampeln. Für den Kuchenbelag benötige ich schließlich einige. Wie wertvoll plötzlich jede einzelne Frucht wird, werden sie unbedingt gebraucht.
Viele herabgefallene haben dunkle Stellen, sind angefressen oder schrumpelig. Bei ihrem traurigen Anblick komme ich nicht umhin, mir meine eigene Vergänglichkeit vor Augen zu führen. Das Knackige ist passé.
Denselben Eindruck gewinne ich, während ich die Früchte entsteine. Ihr matschiges Fruchtfleisch klebt ziemlich hartnäckig am Kern. Alles ist ein wenig weniger fruchtig. Dennoch, meine Ausbeute reicht. Die Tarte-Form wandert gut gefüllt in den Ofen und nach kurzer Zeit duftet es wunderbar nach Kuchen. Der Ernte sei Dank.

