Die milde Frühlingsluft macht das Leben gleich deutlich angenehmer, als es bisher im tristen Regengrau der vergangenen Wochen war. Im Städtchen gewinne ich den Eindruck, als wären wir Menschen wie Ameisen aus unserem Bau hervor gekrochen, um uns auf ein saftiges Stück was auch immer zu stürzen. Die Cafés haben ihre Tische nach draußen gestellt und der Konsum von Aperol Spritz und sonstigen Frohnaturgetränken scheint mir sprunghaft in die Höhe zu schnellen. Lachen ist zu hören und die Kinder können ihre Ungeduld vor den Eisdielen der Stadt kaum bändigen. Das schöne Wetter allein hat die Kraft, Menschen aufzuheitern.
Und großzügig, sehr großzügig im Umgang mit anderen. Stellt euch vor, wie ich am Tresen anstehe, um eine winzige Tasse Cappuccino zu ordern und vor mir eine junge Frau überlegt, welches der Schokocroissants, die verlockend aufgetürmt unter einer Glasglocke auf einer kristallenen Kuchenplatte liegen, sie haben möchte. Das ist kein Scherz.
Der sich aufgrund ihrer Unschlüssigkeit entfesselte Dialog zwischen ihr, ihrer Begleiterin und der Bedienung, ist unbeschreiblich. Es geht hin und her. Nachdem sie den Croissant-Stapel genügend gründlich betrachtet hat, entscheidet sie sich für eines, das ziemlich zuunterst liegt. Natürlich äußert sie bedenken, der Stapel könne einstürzen, doch die Bedienung wirkt beruhigend auf sie ein und zieht das entsprechende Teilchen vorsichtig hervor.
Mir stellen sich viele Fragen. Eine davon ist, woran sie eine vermeintlich falsche Wahl erkennen würde. Am Geschmack? Mit welcher Referenz? Was passiert, wenn es nicht das perfekte Schokocroissant ist? Treibt sie die Angst, etwas zu verpassen? Die Angst vor einer falschen Entscheidung? Oder ist das nur der Spleen eines gutgenährten Menschen, der bisher stets eine Wahl treffen konnte? Leider kann ich nicht berichten, ob es die richtige Wahl war. Unsere Wege trennen sich und ich widme mich endlich meinem Cappuccino zu.

