#782 als die Uhren begannen, falsch zu ticken

Meine Großeltern hatten im Wohnzimmer eine große Uhr an der Wand hängen, die zu jeder vollen Stunde schlug. Das Ziffernblatt bestand aus römischen Zahlen, die Zeiger waren zwei ungleichgroße Pfeile. So ungefähr. Ganz genau erinnere ich mich nicht mehr daran. Woran ich mich jedoch erinnere sind die beiden Seile an deren Enden jeweils ein großer Stein befestigt war. Diese Steine habe mich stets fasziniert, waren sie nämlich dafür zuständig, die Uhr im Takt zu halten. Mein Opa zog an den Seilen und die Uhr tickte wieder richtig. Pünktlich mit den Abendnachrichten war auch sie zu hören. Jedenfalls eine ganze Weile lang, bis sie wieder aufgezogen werden musste.

Wir leben im digitalen Zeitalter. Heißt es jedenfalls und ich glaube, es wäre unsinnig, dem nicht zuzustimmen. Aber was bedeutet das eigentlich? Gut, die Frage ist zu allgemein formuliert. Ich formuliere es anders. Was bedeutet: digitales Zeitalter im Hinblick auf die Uhrzeit?

Müsste es theoretisch nicht weniger Differenzen geben, als vor einem halben Jahrhundert? Also zur besagten Pendeluhrzeit, als Armbanduhren per Hand aufgezogen wurden oder per Batteriebetrieb liefen. Die Richtschnur für die korrekte Zeit bildeten für viele Menschen die Nachrichten. Mit dem Gongschlag der Tagesschau war es genau zwanzig Uhr. Das war verlässlich, danach konnte, wer wollte, seine Uhr stellen.

Heute gibt es immer noch die Möglichkeit, den Gongschlag als Referenz zu nehmen. Daran hat sich nichts verändert. Was sich allerdings verändert hat ist die Zeit. Mir scheint es, als sei sie irgendwie vielfältig und beliebig geworden. Die Laptops bei uns im Büro haben beispielsweise die unterschiedlichsten Zeitangaben. Jedes ist anders. Warum? Sobald ich online bin, müsste mir doch die korrekte Zeit angezeigt werden, oder? Da das nicht der Fall ist, es sogar minutengroße Unterschiede gibt, ist digitales Zeitalter vielleicht eher als relativ zu betrachten.

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