#793 Berge und Propheten

Er tut sich schwer, der Frühling. Das blaue Band will nicht recht flattern durch die Lüfte und bisher liegt kein Frühlingsduft in der Luft. Dennoch: heute Nacht wird die Uhr umgestellt. Abends ist es wieder länger hell. Meine Lieblingsjahreszeit beginnt. Das könnte dauerhaft bleiben, also vorgestellt. Abends im Dunklen nach Hause zu kommen finde ich unangenehmer als morgens im Dunklen los zu gehen. Die Dunkelheit hat irgendwie etwas endliches an sich, das ich als ziemlich ungemütlich empfinde. Jedenfalls unter der Woche.

Da ich das nicht entscheiden darf, sowie jeder Geschmack verschieden ist und sich die übergeordneten Stellen bislang auf nichts einigen konnten, bleibt es halt bei der jährlichen Vor-und-Nachstellerei. Wenigstens gewöhnt sich meine innere Uhr deutlich schneller daran, eine Stunde weniger zur Verfügung zu haben als anders herum. Im Herbst bin ich eine ganze Woche damit beschäftigt, mich wieder dem vorgegebenen Zeitrhythmus anzupassen.

Passend zur Uhrzeit würde ich nun gerne, wie gesagt, auch das Wetter auf Frühling programmieren, was leider ebenfalls nicht funktioniert. Aus diesem Grund und weil unsere Baustelle (#790 Bob der Baumeister) ein paar kleine Zweige vom Marillenbaum abgebrochen hat, hole ich mir den Frühling ins Haus. Nach dem Motto: wenn der Prophet nicht zum Berg kommt und so weiter. Nach und nach öffnen sich die Knospen in der Wärme. Dicht an dicht, filigran und bezaubernd, während draußen fast alle noch geschlossen sind. Glücklicherweise ist es kalt geworden, bevor der Baum in voller Blüte steht. Letztes Jahr war es ähnlich, allerdings mit anderer Auswirkung. Viele Blüten hatten sich bereits geöffnet, als der Frost zuschlug.

Die Magnolie vorm Balkon blüht ebenfalls. Im Dauergrau. Leider. Aber so ist es wohl mit den Blümchen und den Bäumen. Ich stelle immer wieder aufs Neue fest, wie faszinierend unterschiedlich die Natur ist. Jahr für Jahr. Das wird nie langweilig.

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