Das Netz macht einen leicht lädierten Eindruck. Aus Sicht der Spinne ist es möglicherweise etwas „in die Jahre gekommen“. Da ich allerdings die zeitlichen Dimensionen, in denen eine Spinne denkt, nicht kenne, kann ich dies nur als Vermutung anstellen. Aber ist es nicht dennoch wunderschön. Es erinnert mich ein wenig an den morbiden Charme kleiner, vergessener Ortschaften in Südfrankreich. Hier bin ich auf meinen Reisen oft vorbei gekommen und jede und jeder, der /die dort ebenfalls waren, haben nun ein Bild vor Augen.
Stromkabel verlaufen außen an den Häuserwänden entlang. Vögel brüten unter dem Giebelfirst. Dicke, graue Steinbrocken umgeben kleine Fenster, die wiederum von grün getünchten Fensterläden eingerahmt sind. Die Farbe blättert hier und da etwas ab und fest hängen diese meistens auch nicht mehr in den Angeln. Manchmal flattert ein loser Zettel mit der Aufschrift: à vendre an der morschen Haustür. Katzen schlafen auf dem Treppenabsatz vor der Haustür, ein Olivenbaum spendet Schatten. Die Straßen sind eng und verwinkelt. Hier kommt kein SUV durch, da ist höchstens Platz für eine Ente.
Dieser Vergleich schiebt sich in mein Bewusstsein, als ich mir das Netzt eingehender betrachte. Es ist nahezu symmetrisch. Lasse ich kleine Nachlässigkeiten unbeachtet, dann ist es perfekt gebaut. Strahlenförmig angelegte Querstreben, verlaufen vom Zentrum aus nach außen. Daran sind in gleichmäßigen Abständen Rundfäden ums Zentrum verwoben.
Könnte ich eine ähnlich regelmäßige Form wie die Spinne hinbekommen, frage ich mich dabei. Wie sähe meins aus, wenn ich es eindimensional freihändig zeichnete? Bekäme ich ein gleiches, dreidimensional konstruiertes „Haus“ zustande? Eins, bei dem gleich (wie hier auf der rechten Seite) mehrere Querstreben fehlten, ohne dass es zusammen fiele? Gleichmäßig und zart kommt es daher und ist trotzdem stabiler als Vieles, das ich kenne. Derangiert wie es ist, sind der Spinne bestimmt viele Insekten ins Netzt gegangen.

