Seufzend falte ich die leere Verpackung der Pépito-Kekse zusammen und schmeiße sie zum anderen Altpapier. Die gibt es hier nicht zu kaufen. Nur in Frankreich. Und seit gut vierzig Jahren (was für eine Zahl) sind das meine Lieblingskekse. Nicht, weil sie besonders gut schmecken würden. Nun, das tun sie schon, irgendwie, aber sie sind auf eine andere Weise besonders:
Ich stehe im Wohnzimmer meiner Französischlehrerin und krame in einem Karteikasten. In ihm steckt eine nunmehr überschaubare Anzahl an kleinen Kärtchen, an denen mit einer Büroklammer oben rechts ein Foto in Passformat angeheftet ist. Ich bin recht spät dran mit der Entscheidung, eine Austauschschülerin aufzunehmen.
Ich schaue die Fotos durch und bleibe an einem hängen, lese den Steckbrief. Auf ihm ist ein blondes Mädchen mit Pferdeschwanz abgebildet, die über ihrer Bluse einen blauen Pulli um ihre Schultern geschwungen trägt. Ein wenig spießig, denke ich mir, doch sie lächelt schüchtern in die Kamera und ist mir direkt sympathisch. „Die da“, sage ich zu meiner Lehrerin und sie notiert sich ihren Namen: Carolin.
Ich radle heim und berichte meinen Eltern von meiner Wahl, zeige ihnen die Karteikarte und das Foto. Gemeinsam sind wir gespannt, was uns erwartet. Meine Eltern sprechen kein Französisch und sind daher etwas skeptisch, ob es klappt. Ich bin zuversichtlich: endlich passiert mal was. Ich bin in der elften Klasse und es ist kurz vor den Sommerferien.
Carolin und ich verstehen uns. Sie ist eine Frohnatur und kann Tierstimmen imitieren, dass es uns schier vom Hocker schmeißt. Sie spricht annähernd so mittelprächtig deutsch wie ich französisch. Das verbindet uns sofort als Schwestern im Geiste. Wir haben eine gute Zeit. Einzig die Deutsche Küche entlockt ihr ab und zu ein Zucken der Augenbrauen. Als meine Mutter beispielsweise grünen Salat mit Zitronensaft und Zucker serviert. „Holsteinische Art“, versucht sie diese Variante unserem Gast zu erklären. – Fortsetzung –

