#777 Herzensangelegenheiten

Es ist vormittags. Ich sitze im Wartezimmer auf einem Freischwinger mit blauem Polster. Wenn ich über den Rand meiner Klatschzeitschrift hinweg schaue, sehe ich vier schwarze Schuhpaare vor mir. Ein Rollator steht an der Wand. Das Wartezimmer ist klein. Sehr klein und ich war das letzte Mal vor zwanzig Jahren da. Erstaunlich. So viele Zeitschriften wie hier habe ich lange schon nicht mehr gesehen. Ich schnappe mir eine, blättre durch die Bildchen.

Die jungen Mitarbeitenden hinterm Tresen unterhalten sich angeregt über die Vorzüge und Nachteile der umliegenden Fitnessstudios. Gefachsimpelt wird über die Güte der Clubs. Diese bemisst sich offensichtlich an der Qualität des Zumba-Kurses. Unterbrochen werden sie nur von neu eintreffenden Patient:innen und wenn der Doktor was von ihnen will.

Der Arzt sieht genauso aus wie damals, bilde ich mir jedenfalls ein. Und ich hocke auf dem Stuhl an dem mir zugewiesenen Termin. Damals konnte ich mir den aussuchen. Jetzt nicht mehr. Die Zeiten ändern sich.

Ansonsten scheint sich nicht viel verändert zu haben. Den Ultraschallraum erkenne ich sofort wieder. Ich bin ein wenig erleichtert, das der kleine Commodore 64-Bildschirm einem neueren Modell gewichen ist. Während ich warte, zähle ich die Schaubilder, die ringsum verteilt an den Wänden und Schränken hängen. Es sind neun Stück. Das Herz ist gleich in mehrfacher Ausführung zu sehen. Aber auch die Niere und das menschliche Gefäßsystem kann ich bestaunen. Spannend. Anders als bei alten Landkarten, die es früher im Kartenraum in der Schule gab, ändert sich an deren anatomischen Inhalt nichts.

Die Untersuchung ist gründlich. Meine Belastbarkeit wird getestet. Gut verkabelt trete ich auf dem Ergometer gegen den sich verstärkenden Widerstand an. Dabei stelle ich mir vor, wie ich demnächst wirklich mit meinem Rennrad wieder den Mont Ventoux hochstrample. Da sind die paar Minuten Anstrengung ein Klacks. Alles okay. Berge, ich komme.

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