Travelling with Deutsche Bahn bietet jenen Thrillfaktor, der eine ausgewogenen Mischung aus Erwartungserfüllung und ungewohnten Wendungen verspricht. Das Besondere heute: der Zugführer ist selbst davon überrascht, dass die Umleitung, die wir zwischen Dortmund und Münster aufgrund einer Streckensperrung fahren mussten, viel weniger Zeit in Anspruch genommen hat, als er uns ursprünglich gesagt hatte. Gänzlich unerwartet, sind wir schon da. Mit nur sechs minütiger Verspätung. Wer sagt es denn!
Mal sehen, was noch passiert. Schließlich habe ich weitere fünf Stunden Fahrt vor mir. In der Zwischenzeit begnüge ich mich damit, aus dem Fenster zu schauen. Das mache ich bekannterweise sehr gerne und ist heute meine Abwechslung zum Menschenstudium um mich herum, über das sich selbstverständlich einiges erzählen ließe. Aber ich belasse es dabei, meine Eindrücke für mich zu behalten. Draußen ist es auch spannend.
Die Sonne scheint durch graue Wolken und taucht die Welt in ein friedliches Licht. Bestelltes Feiertagswetter, möchte ich meinen. Die Gegend rauscht vorbei. Mal langsamer, mal schneller. Industriebrachen wechseln sich mit architektonischen Wagnissen ab. Gotteshäuser diverser Himmelsrichtungen liegen am Wegesrand. Fußballfelder, Spielplätze und verschlafene Freibäder ziehen vorbei. Mein Blick fällt auf Schrebergärten, gut gepflegt oder wildwuchernd, mit und ohne Fahnenmast. Entwurzelte Bäume am Rand der Böschung, die das Gleisbett säumt. Verwunschene Friedhöfe, klein, alt, vergessen, schlafen am Wegesrand. Wir passieren namenlose Ortschaften und im Zehn-Minuten-Takt Ruhrpottmetropolen, die jedes Kind kennt.
Umspannwerke, diverse Straßenbaustellen jeden Baufortschritts sind dabei und sogar eine Imkerei kann ich ausfindig machen. Hinter Münster wird das Land flacher. Treckerspuren durchfurchen nasse Wiesen. Im Hintergrund drehen sich Windräder. Eine recht große Gruppe Rehe äst auf einem Feld. Wiesen und Felder stehen in den Startlöchern. Alles wartet auf den Frühling.
Ich unterbreche mein Panoramastudium, mache mich auf den Weg zum Bordbistrot. Schwankend laufe ich den Mittelgang entlang, meinem Cappuccino entgegen.

