#893 Augen auf bei der Berufswahl

Es ist Sonntag. Das Frühstück ist vorbei. Alle Handgriffe sind erledigt, die erledigt werden sollten, bevor später der Besuch anrückt. Ich habe nichts mehr zu tun, bin jedoch noch Schlapp von meinem gestrigen Delirium (#891 ins Bett), mache es mir deshalb auf dem Sofa bequem und schalte den Fernseher an.

Beim Zappen stoße ich auf eine Backshow und sehe den Teilnehmenden zu, wie sie sich mit Biskuit und Pralinen abmühen. Wie sie sich an der richtigen Konsistenz von Buttercreme mit Kaffeegeschmack versuchen. Ich lerne viel über die Fallstricke des Tortenbusiness und erlebe die Probanden bei ihren Homestories. Natürlich wird ausführlich über die Geschichten berichtet, die sich hinter jeder Backleidenschaft verbergen.

Dann ist es soweit. Zehn Kaffeekränze unterschiedlichster Form stehen vor den Juroren auf dem Tisch. So sieht Handmade aus. Da, wo selbst der Schockfroster nichts retten konnte, verläuft die süße Masse langsam aber sicher auf dem Präsentierteller.

Zehnmal hoffen und bangen. Spannung liegt in der Luft als einer der beiden Juroren ein Exemplar nach dem anderen anschneidet und zuerst die Anzahl der Biskuit-Buttercreme-Ringe zählt und die Optik bewertet. Verdammt, einer zu viel und eine kaputte Backhaut. Fünf gleichmäßige Ringe sollten gelegt werden, stattdessen wickelt sich der Boden zu einer Schnecke auf. Eine der vielen Hürden, der technischen Prüfung.

Der Chef-Patissier sticht seine Gabel ins Gebäck und spürt mit Kennergaumen dem Geschmack, der Konsistenz und der Gesamtkomposition nach, um sogleich seine Fachmeinung kundzugeben. Seine Jury-Kollegin tut es ihm gleich. Andächtig verschwindet Gabelprobe um Gabelprobe in ihren Mündern zur Verkostung. Bei dem weniger standfesten Exemplar, verziehen sich beider Mienen, bevor sie probieren. Glasklar, sie ahnen Böses.

Was für ein Job, denke ich mir: die werden bezahlt fürs Kuchenessen. Zugegeben, zehn Gabeln Buttercreme hintereinander können anstrengend sein. Deswegen heißt es selbst hier: Augen auf bei der Berufswahl.

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