#924 Abschied

Der Sturm hatte sich verspätet. Er kam, nicht wie angekündigt bereits am Nachmittag des Vortags, sondern erst in der Nacht. Doch dann war er da. Unüberhörbar. Er heulte um unsere kleine Hütte. Böe um Böe. Ließ kein Zweifel aufkommen, wer hier Herr im Haus war.

Gepeitscht vom Sturm, wedelten die Ziehharmonikablätter unserer Hauspalme wild fuchtelnd umher. Dabei faserten sie an ihren Rändern aus. Die langen Blattfäden sehen aus wie zerfetzte Spinnwebenfäden. Ihr Tribut an den Sturm.

Die andere Hälfte meines Haushalts war bereits aus unserer Koje gekrochen und sicherte Handtücher, Badehosen, T-Shirts, Picknickdecke und all das Zeugs, das wir zum Trocknen über die Verandabrüstung aufgehängt hatten. Jetzt konnte nichts mehr passieren. Wir lagen gemütlich im Bett, drehten uns zum Schlafen um und träumten stürmische Träume.

Der angebrochene Tag war unser letzter Urlaubstag. Und wie das immer ist bei mir, stellte sich Wehmut ein. Ein Zögern. Ein kindliches nicht Hergeben wollen der schönen Zeit. Im Kopf ein: „Menno“. Das letzte Mal Frühstück auf dem Markt. Das letzte Mal das Petit Déjeuner mit Baguette, Butter, Honig und Marmelade für ihn, das letzte süße Törtchen für mich.

Ein letztes Mal ans Meer. Der Sturm fegte den feinen Sand gnadenlos über den Strand dem Wasser entgegen. Wir hatten Mühe, unseren Platz einzurichten. Zwei anderen Unerschrockenen flog der Sonnenschirm auf und davon, tänzelte ein wenig über das Wasser, bis er schließlich in den Wellen unterging.

Wir befestigten die Picknickdecke mit Panzerband an der Liege. Ich sammelte Steine und Treibgut und legte alles auf meine Unterlage. Der Sturm zerrte unerbittlich daran. Wir lasen. Ich ging mit den Füßen ins Wasser. Wenigstens das. Es war ungemütlich. Aber ich musste mich verabschieden vom Meer. Von den Barschen, Babyschollen, Krebsen und dem blauen Nadelfisch. Innerlich seufzend, ließ ich meinen Blick die Küste runter bis zum Gebirge schweifen.

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