#882 Ode an Mark Twain

Es ist eine ganze Weile her. Da stand ich mitten im Antiquariat. Es lag ziemlich zentral an der Ecke der Straßenkreuzung in einer Kleinstadt im Westfälischen. Bücher um Bücher um mich herum. Abgegriffene Einbände, kaum lesbare Rücken, womöglich in Sütterlin verfasst. Ich kann Sütterlinschrift lesen. Auch die Krux mit den fast identischen Lettern für „f“ und „s“, bereitet mir wenig Schwierigkeiten. Einzig der Umstand, dass ich beim Lesen gedanklich zu lispeln beginne, gibt manchen Texten Tiefe oder nimmt anderen die Schärfe, je nach Betrachtungsweise.

Ich stand im Antiquariat, war gerade frischgebackene Studentin der Literaturwissenschaft und suchte nach einem bestimmten Titel. Oder mehreren. Meine finanziellen Mittel waren begrenzt, weshalb ich mich auf gebrauchte Werke verlegte. In meiner Hand hielt ich einen Zettel auf dem ich mir in einer Liste diejenigen Bücher notiert hatte, die ich kaufen wollte.

Heute weiß ich nicht mehr, was ich fand. Jedenfalls was die Bücher anbelangt. Das ist gar nicht wichtig, denn ich fand einen anderen Schatz, der mich seitdem stets begleitet. Eingebrannt hat er sich in mein Gehirn.

Die Ladentheke war aus dunklem Holz. Das Männlein dahinter schaute amüsiert über die Registrierkasse hinweg, als ich ihm meine Fundstücke zur Bezahlung reichte. Es erschien mir damals umständlich, wie er sorgfältig sämtliche Buchspezifika auf die Quittung übertrug. Autor und Titel vermerkte er. Schrieb die Kund:innennummer der Person auf, für den oder die er das Buch in Kommission genommen hatte. Das dauerte und gab mir die Gelegenheit, mich auf dem Tresen bei der Kasse umzuschauen.
Ein kleines Schächtelchen weckte meine Aufmerksamkeit. Es war gefüllt mit kleinen weißen Papierkärtchen, ähnlich wie Visitenkarten. Auf jeder Stand eine andere Weisheit drauf. Die, die mich anlächelte lautete:

„Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen, ist der wie zwischen einem Blitz und einem Glühwurm. Mark Twain“.

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