Es ist Nachmittag. Ein ganz normaler Tag mitten in der Woche. Ein Termin treibt mich aus dem Haus. Ich bin geschniegelt und gebügelt und verlasse mein wohltemperiertes Zuhause. Die Wohnungstür fällt hinter mir ins Schloss. Ich drehe den Schlüssel um und steige die paar Treppenstufen runter zur Haustür. Als ich die Tür öffne, ist es plötzlich da. Sofort merke ich, dass etwas anders ist als sonst. Es herrscht Stille.
Nichts ist zu hören. Kein Fahrzeug. Nicht einmal das Klappern eines wackeligen Fahrradgepäckträgers mit einem Sack Pfandflaschen im seinem Korb. Ich höre keine Stimmen. Nicht eine einzige Silbe. Kein Lachen, kein Geschrei, kein quäkendes Kind. Es bellt kein Hund, Vögel tun keinen Mucks. Das Summen der Insekten ist verstummt. Wie bei Dornröschen. Kirchenglocken schweigen. Selbst Smartphones haben ihr Bimmeln aufgegeben. Da, ganz entfernt, das Geräusch eines Wagens. Die Welt hat sich verbarrikadiert.
Jeder Laut, den ich erwartet hatte, scheint verschluckt zu sein. Kommt in meinen Gedanken vor, weil ich ihn nur dort höre. Hinter heruntergelassenen Rollos, hinter geschlossenen Fenstern und ihren Läden wird es Leben geben. Hoffentlich. Dort sitzen sie. Arbeiten, schlafen, kochen, reden miteinander oder sind allein. Höhlenmenschen. Hier, bei mir auf der Straße, ist niemand. Die Hitze hat alles verschlungen.
Ich bewege mich langsam über den Asphalt. Spüre, wie mich die Kühle meiner Wohnung augenblicklich verlässt. Langsam. Bloß nicht zu schnell unterwegs sein. Ich bewege mich im Schatten der Häuserwand. Danke jedem Baum für seinen Schatten. Setze jeden Schritt mit Bedacht. Es ist beinahe unerträglich.
Mein Termin ist beendet. Ich trete den Rückweg an. Gleiches Spiel. Stille. Immer noch oder schon wieder? Ersteres wird es sein. Unglaublich wie sehr es auffällt, wenn an einem Ort, der stets geschäftig ist, Lärm nicht mehr vorkommt. Gespenstisch kommt es mir vor und irgendwie verkehrt. Ich werde mich dran gewöhnen müssen.

