Montag. Erster Arbeitstag. Ich sitze vor meinen Mails und arbeite mich von wichtig nach unwichtig, von alt nach neu durch (#926 Achtsamkeit). Unter den Mails befinden sich einige Newsletter, von denen ich die meisten ungelesen wegklicke. Eine davon, warum auch immer, öffne ich und lese sie im Browser. Dabei stolpere ich über eine Veranstaltung, die Anfang September in Berlin stattfand. Eine Gedenkfeier für die Opfer der Euthanasie während der NS-Zeit.
Ich bleibe hängen und lese mir den kurzen Artikel durch. Darin ist ein Link zum „Gedenkort-T4“ enthalten. „T4“ steht für die Berliner Adresse: Tiergartenstraße 4. Sie galt bereits zur NS-Zeit als Abkürzung und Synonym für den Sitz der Administration der systematischen Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, wie es in der Verwaltungssprache der Nazis hieß. Gemeint waren, vom Neugeborenen bis zur hochbetagten Person, Menschen mit Behinderung, körperlich und geistig.
Vom Schreibtisch aus wurde über Leben und Tod entschieden. Bekam ein Fall ein rotes Plus, wurde die Person „vernichtet“ trug man ein rotes Minus ins Kästchen ein, diente sie noch als Arbeitskraft. Ich verschone euch an dieser Stelle mit weiteren Einzelheiten, kann euch jedoch versichern, dass kaum eine Fantasie ausreicht um zu ermessen, wie perfide vorgegangen wurde.
Ich bewege die Gedanken in meinem Kopf und entscheide mich, die Geschichte der Brüder meiner Großmutter (#734, #735, #736 Schnee von gestern), sowie ihres Babys in Kurzform der Gedenkstätte zukommen zu lassen. Dazu krame ich die Fotos und Unterlagen heraus, die meine Mutter von ihnen zusammen getragen hat. Heinrichs Schicksal konnte ich nachvollziehen. Am Samstag jährt sich seine Ermordung. In der Nacht schlafe ich schlecht. Ich merke, wie mich ihr Schicksal berührt.
Warum ist das so? Ich kannte keinen von ihnen. Es ist lange her. Vergessen. Oder befinden wir uns an der Schwelle, wo es möglich sein kann, dass solche Gräueltaten erneut geschehen?

